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Nachfrage
Tag zwei des Kurses, zu dem Andy mich geschickt hat, und gerade erreiche ich meinen absoluten Tiefpunkt. Wir sitzen in einem voll gepackten Hörsaal und ganz weit unten redet unser Lehrer über die gängigen Praktiken, Mächte aus den Tiefen des Weltalls herbeizurufen und zu bändigen. In Gedanken bin ich Millionen von Kilometern weit weg.
»Denken Sie immer daran, alle großen Kreise zu schließen. Offene Verbindungen können im Kreislauf Geräusche erzeugen und dafür brauchen sie einen Kondensator, um Echos zu vermeiden. Im Fall des großen Kreises von Al-Hazred war der Terminator ursprünglich eine schwarze Ziege, die man um Mitternacht mit einem Silbermesser, das nur Jungfrauen berührt hatten, opferte. Aber diese Zeiten sind schon lange vorbei. Hey, Bob! Schlafen Sie da hinten? Einen Ratschlag: Jetzt wäre es an der Zeit, einmal zuzuhören. Wenn Sie einen Kreis nämlich falsch schließen, werden Sie ganz schön dumm aus der Wäsche schauen – wenn Sie überhaupt noch aus der Wäsche schauen.«
Verdammte Akademiker. »Klar«, sage ich. Ich habe bereits mit Brain darüber gesprochen. Große elektrische Kreise sind sowieso nicht gut und werden von jedem, der einen einigermaßen großen Laser und eine stabile Plattform hat, grundsätzlich abgelehnt. Strom gilt schon lange mehr oder weniger nichts mehr. Aber offensichtlich haben diese Leute, die nie aus ihren Elfenbeintürmen herauskommen, keine Lust, sich auf modernere geometrische Apparate zu konzentrieren, die auf Licht basieren und keine hässlichen Nebenwirkungen haben wie die elektrischen. Aber das ist typisch für die alte Schule: Wir dürfen uns mit Doktor Volt und seinem Adlatus Mr. Ampere herumquälen und können nur beten, dass uns kein streunender Erdungskreis erwischt, während wir die Mächte herbeirufen.
»Zeit für einen Kaffee. In einer Viertelstunde geht es weiter. Dann werde ich Ihnen die Grundsätze einer Bändigungsbeschwörung vorführen. Danach wollen wir uns über die Folgen einer unkontrollierten Beschwörung unterhalten.« (Unkontrollierte Beschwörungen sind das Schlimmste, was einem passieren kann. Wenn es gut geht, infiltriert ein Außerirdischer das Gehirn desjenigen, der gerade in der Nähe steht; wenn es schlecht läuft, dann hat man ein Tor, das irgendwo hinführt – und so etwas kann doch nicht gut sein, oder?)
Der Lehrer klatscht in die Hände, um sich so der Kreide zu entledigen. Ich stehe auf und strecke mich. Gerade noch rechtzeitig erinnere ich mich daran, dass ich meinen Aktenordner schließen sollte. Der große Unterschied zwischen diesem Kurs und einem besonders langweiligen Seminar an der Uni ist nämlich die Tatsache, dass hier alles geheim ist. Es kann drakonische Strafen nach sich ziehen, sollte jemand einen Blick auf deine Notizen werfen.
Vor dem Hörsaal gibt es einen Aufenthaltsraum, der in einer für solche Institutionen typischen kohlgrünen Farbe gestrichen ist. Die Schalensitze, in denen man es sich dort bequem machen kann, sind knallorange und lassen mich sofort an die Siebzigerjahre denken. Auch der Kaffeeautomat gehört noch in eine andere Zeit. Gehorsam stellen wir uns in eine Schlange und alle fangen an, zwanzig Pence aus ihren Taschen zu kramen. An der Wand hängt ein abgerissenes Plakat auf dem »GEDANKENLOSES REDEN KOSTET LEBEN« steht. Ob das ebenfalls noch aus einer anderen Zeit stammt? Den gelben Rändern des Papiers nach zu urteilen, könnte es durchaus noch ein Relikt aus dem Kampf des britischen Geheimdienstes gegen Nazi-Deutschland sein.
Ein Kursteilnehmer kommt schleppenden Schrittes auf mich zu und grinst wie ein Totenkopf. Ich werfe ihm einen Blick zu und zwinge mich, nicht die Flucht zu ergreifen. Es ist Fred aus der Buchhaltung – der Typ, der immer seinen Computer zum Abstürzen bringt und dann erwartet, dass ich ihn wieder richte. Um die fünfzig, mit einer staubtrockenen Haut, die so aussieht, als ob eine Riesenspinne jeglichen Saft aus ihr gesogen hätte. Auch am zweiten Tag des fünftägigen Kurses trägt er noch einen Anzug. Irgendwie passt er ganz gut zu dem Warteraum aus den Siebzigerjahren. Seine Klamotten sehen zudem so aus, als ob er darin geschlafen und nicht gelebt hätte, und sie erinnern einen daran, dass er wahrscheinlich mit seinen Ratenzahlungen im Rückstand ist und sein Dach einen Schaden hat. »Dr. Vohlman scheint dich auf dem Kieker zu haben, was?«
Ich schnaube abfällig. »Metaphorisch oder sexuell?«
Ein Ausdruck tiefer Verwirrung zeigt sich für einen Moment auf Freds Gesicht. »Was? Meta – was? Nee. Er ist nur ein schlecht gelaunter Prof., der mal wieder meint, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben.«
Verschwörerisch kommt er näher. »Ich kapiere das alles sowieso nicht, weißt du? Ich habe keine Ahnung, warum ich überhaupt hier bin. Unser Budget für solche Kurse ist viel zu hoch, aber wir müssen es immer aufbrauchen, um es im nächsten Jahr wieder genehmigt zu bekommen. Irene beschäftigt sich gerade mit Eunuchen-Gerätetreibern – was auch immer das ist – und mich hat man hierher geschickt. Wie das Schicksal so spielt – mir sagt das ja alles nichts. Aber du siehst eher nach einem dieser intellektuellen Typen aus. Wahrscheinlich verstehst du sogar, worum es hier geht, oder? Du könntest mir vielleicht erklären …«
»Hm?« Ich versuche mich hinter meiner Kaffeetasse zu verstecken und verbrühe mir prompt die Finger. Während ich noch fluche, fährt Fred schon fort.
»Es ist nämlich so. Torsun von HR hat mich hierher geschickt, damit ich als System-Administrator für unsere Abteilung eingesetzt werden kann. Aber dieser Vohlman macht ständig komische Witze über Teufel und Messer und so. Gehört er vielleicht zu den Satanisten, über die wir vor vier Jahren mal eine Infoveranstaltung hatten?«
Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. »Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt der richtige Kurs für dich ist. Das Ganze wird nämlich noch ziemlich technisch und wenn man sich nicht mit den nötigen Sicherheitsvorschriften auskennt, kann es ganz schön gefährlich werden. Bist du dir sicher, dass du bleiben willst?«
»Natürlich bin ich mir sicher. Aber was den Inhalt betrifft – na ja, darüber bin ich nicht allzu glücklich. Zum einen verstehe ich nicht, warum wir nichts über Lizenzen und Support lernen. Das sollte doch zuerst kommen. Ein Pakt mit dem Teufel und so mag ja schön und gut sein, aber ich muss wissen, wen ich anrufen kann, wenn ich mal technische Unterstützung brauche.«
Ich seufze. »Wie wäre es, wenn du mit Dr. Vohlman reden würdest«, schlage ich vor und wende mich – vielleicht etwas unhöflich – ab. Es gibt immer einen, der im falschen Kurs gelandet ist, aber das erst nach zwei Tagen zu merken, bedarf doch einer gewissen Blödheit, die so rasch nicht zu schlagen sein dürfte.
Alle leeren ihre Becher, und die Raucher tauchen plötzlich von irgendwoher wieder auf. Gemeinsam marschieren wir zurück in den Hörsaal. Dr. Vohlman hat inzwischen einen archaisch anmutenden Prüftisch hereingerollt. Die elektrischen Vorrichtungen, die darauf montiert sind, sehen teilweise so aus, als würden sie aus dem Motor eines alten Morris Minor vom Schrottplatz stammen. Die Kabel des Drudenfußes sind aus massivem Silber, das über die Jahre schwarz angelaufen ist.
»In Ordnung, Leute. Wir wollen uns jetzt die Dinge, die wir vorher theoretisch besprochen haben, mal ganz praktisch betrachten.«
Vohlman kehrt mit großer Begeisterung den Schulmeister heraus. »Wir fangen erst einmal mit einer kleineren Beschwörung an, einer sogenannten Typ-3-Beschwörung, und benutzen dabei die Koordinaten, die ich an die Tafel geschrieben habe. Dabei sollte es zu einer Manifestation namenlosen Horrors kommen, wobei es ein ziemlich manipulierbarer namenloser Horror sein wird, solange wir uns an die Vorschriften halten. Es wird einige unangenehme visuelle Verzerrungen und etwas intelligent anmutendes Geplapper geben, das aber nicht klüger ist als das von einem Reporter der Boulevardpresse. Also nicht klug genug, um wirklich gefährlich zu werden. Das heißt aber noch nicht, dass es ungefährlich ist. Man kann recht schnell in Teufels Küche kommen, wenn man mit dieser Art von Ausrüstung unsachgemäß hantiert. Falls Sie es vergessen haben sollten: Wir haben es hier mit Starkstrom zu tun. Jetzt bilden Sie bitte alle um mich einen Kreis, denn jeder muss innerhalb der Sicherheitszone sein, wenn ich den Strom anstelle. Manesh, wenn Sie bitte das ›BETRETEN VERBOTEN‹-Schild anschalten würden …«
Wir stellen uns alle um den Prüftisch, wobei ich mich etwas im Hintergrund halte. Solche Experimente sind mir nicht unbekannt. Ich habe einige wesentlich exotischere bereits im Keller von Chateau Cthulhu selbst ausprobiert. Im Vergleich zu den wahnwitzig komplexen Beschwörungen, die Brain schon mit seiner Lasermatrix geschafft hat, ist das, was uns Dr. Vohlman hier bietet, extrem harmlos.
Es ist allerdings interessant, die anderen Kursteilnehmer zu beobachten. Babs, eine fröhlich plappernde Blondine mit großer Brille, betrachtet den Prüftisch, als ob es sich um eine noch nicht detonierte Bombe handelt. Ich vermute, sie erlebt das alles zum ersten Mal und stellt sich wahrscheinlich vor, dass gleich wie beim Exorzisten Köpfe erscheinen und grüner Schleim in alle Richtungen spritzt. John, Manesh, Dipak und Mike benehmen sich wie gelangweilte Jungbeamte, die froh sind, wieder einmal eine Woche nicht hinter dem Schreibtisch sitzen zu müssen. Fred aus der Buchhaltung wirkt wie immer verwirrt und sieht so aus, als ob er sein Gehirn irgendwo liegen gelassen hätte, während Callie sich schon lange verabschiedet hat, um sich die Nase pudern zu gehen. Kann man ihr nicht vorwerfen, wie ich finde. Diese Art von Experiment ist genauso witzig, wie wenn man in einem Schullabor zeigt, was man unter einer thermischen Reaktion versteht – es kann alles nach hinten losgehen. Ich versichere mich noch einmal, dass der Feuerlöscher nur zwei Schritte hinter mir an der Wand hängt.
»Ok. Jetzt passen Sie auf. Keiner darf die Matrix berühren. Keiner darf auch nur ein einziges Wort sagen, sobald ich einmal angefangen habe. Und keiner darf den roten Kreis auf dem Boden verlassen. Wir befinden uns hier in einem geerdeten Käfig, aber wenn wir auch nur den Fuß hinausstrecken …«
Es geht um die räumliche Struktur. Eine Beschwörung auszuführen, ist ganz einfach: Man erzeugt einen Attraktor an Punkt A. An Punkt B setzt man dann den korrespondierenden Gegenpol an. Danach stellt man sich auf einen dieser Punkte, führt dem Kreislauf Energie zu und am anderen Ende passiert etwas.
Wirklich wichtig ist dabei ein menschlicher Beobachter – so etwas kann man nicht mithilfe einer Fernbedienung machen. Allerdings sollte man sicherstellen, an der richtigen Stelle zu stehen, denn sonst erfährt man viel eindringlicher als man jemals wollte, was man unter Angewandter Topologie versteht – also wie das Universum aussieht, wenn plötzlich dein Inneres nach außen gekehrt wird.
Das ist nicht so schlimm, wie es sich anhört. Man kann zum Beispiel den Attraktor und die Sicherheitszelle vorblenden und somit die beschworene Macht einsperren, was bedeutet, dass sie uns am Gegenpol nicht erwischen sollte. Deshalb hat Dr. Vohlman mit dem Schmiss auf der Wange den Prüftisch auch genau in die Mitte des roten Pentagramms gestellt, das er zuvor auf den Boden des Hörsaals gemalt hatte, und uns gebeten, uns so eng wie möglich drum herum zu stellen.
Um den Feuerlöscher zu fassen zu bekommen, muss ich den Zirkel aber natürlich verlassen …
»Wurde das von dem Beamten für Sicherheit am Arbeitsplatz eigentlich abgesegnet?«, fragt Fred.
»Ruhe, bitte.« Vohlman schließt die Augen und konzentriert sich auf das, was als Nächstes kommt. »Strom.« Er legt den Schalter um, und ein Licht geht an. »Stromkreis zwei.« Ein Knopf wird gedrückt. »Ist da jemand?«
Aus dem Augenwinkel sehe ich plötzlich grünen Nebel auftauchen, während ich mich ganz auf das Pentagramm aus Silberdraht konzentriere. Lichter, die in ein Stück Holz von einem alten Galgen eingelassen wurden, glühen darunter. Es geht immer um die richtige Mischung.
»Nummer drei.« Vohlman drückt noch einen Knopf und zieht ein zerknülltes Stück Papier aus der Tasche. Darin befindet sich eine sterilisierte Lanzette, die er ohne zu zögern in seine linke Daumenkuppe stößt. Mir stellen sich die Nackenhaare auf, während ich beobachte, wie er seine Hand Richtung Attraktor schüttelt und sich ein Tropfen Blut löst. Der Tropfen bleibt wie ein kleiner Ball über einem der Kabel in der Luft hängen und rollt dann Richtung Mitte. Er vibriert wie ein flüssiger Rubin.
»Ist jemand da?«, äfft Fred ihn nach. Plötzlich zeigt sich ein hässliches Grinsen auf seinem Gesicht. »Der Witz ist gut! Hab ihn fast geglaubt!« Er streckt die Hand aus, um nach dem Blutstropfen zu fassen, und ich spüre, wie sich gewaltige Mächte in der Luft um uns herum versammeln. Plötzlich erfasst mich ein Kopfschmerz wie vor einem elektrischen Sturm.
»Nicht!«, kreischt Babs, wobei sie noch im Rufen einzusehen scheint, dass es schon zu spät ist.
Ich schaue Vohlman an. In seinem Gesicht spiegelt sich blankes Entsetzen wider. Er wagt es nicht einmal, auch nur einen Muskel zu bewegen, um Fred aufzuhalten. Denn Fred jetzt noch zu berühren, würde bedeuten, dass sich der Schaden weiter ausbreitet. Für Fred ist es sowieso zu spät, und man sollte garantiert niemanden berühren, der unter Hochspannung steht.
Fred steht ganz still, während sein Jackenärmel zuckt, als hätte er einen schweren Krampf. Seine Hand befindet sich über dem Attraktor, und der Blutstropfen bewegt sich nun auf seine Fingerspitze zu. Sein Lächeln ist nun wie festgefroren. Langsam öffnet er den Mund. »Ja«, erklärt er in einer hohen klaren Stimme, die nicht seine ist. »Wir sind hier.«
In seinen Augen zucken leuchtende Würmer.
»Und was habt ihr als Nächstes gemacht?«, fragt Boris. Ich lehne mich zurück und starre zur Decke hoch, die ganz von Zigarettenrauch umnebelt ist. Ich brauche einige Sekunden, um meine Stimme zu finden. Mein Hals ist ganz rau.
»Wir haben die Lage so schnell wie möglich sondiert – so, wie man es uns immer beibringt: einschätzen und sofort Prioritäten setzen. Fred hat das Sicherheitsfeld geerdet, und die Level-3-Macht hatte sich bereits völlig in ihm ausgebreitet. Level 3 ist ja noch nicht so geschickt, aber das Universum, aus dem es kommt, hat eine viel schnellere Zeitbasis als die unsere. Sobald Fred das Schutzfeld berührt hatte, war auch schon sein Nervensystem analysiert worden und er wurde wie eine schlechte Nuss geknackt. Totale Aneignung in zwei bis fünf Hundertstel Millisekunden.«
»Aber was habt ihr gemacht?«, will Andy wissen.
Ich schlucke. »Ich stand ihm gegenüber. Da zu diesem Zeitpunkt weder der Attraktor noch der Gegenpol funktionierten, waren wir auf einmal alle zur Zielscheibe geworden. Priorität Nummer eins war es nun, so schnell wie möglich die Besitznahme zu beenden. Das macht man, indem man den Besessenen körperlich außer Gefecht setzt, ehe die jeweilige Macht ein Verteidigungsnetz aufbauen kann. Als Erstes habe ich also nach dem Feuerlöscher gegriffen.«
»Das war das Erste?«, bohrt Boris nach.
»Ja.«
Andy nickt. »Natürlich wird es eine genaue Untersuchung geben«, erklärt er. »Aber das ist erst mal das Wichtigste, was wir wissen müssen. Es passt zu dem, was auch die anderen berichten.«
»Ist er schwer verletzt?«
Andy schaut in eine andere Richtung. Meine Hände zittern so stark, dass meine Kaffeetasse überschwappt. »Er ist tot, Bob. Er war in dem Moment tot, als er die Grenze überschritt. Ihr hättet alle dran glauben müssen, wenn du ihn nicht außer Gefecht gesetzt hättest. Einer deiner Kollegen war gar nicht anwesend, zwei hatten überhaupt keine Ahnung, was da abging, und fünf – einschließlich des Lehrers – schwören, dass du ihnen das Leben gerettet hast.« Er schaut mich wieder an. »Aber leider musst du die ganze Untersuchung trotzdem über dich ergehen lassen, denn schließlich endete es tödlich. Fred hinterlässt eine Frau und zwei Kinder, und außerdem geht es um seine Pension.«
»Das wusste ich nicht.« Ich pfeife mich zurück, ehe ich noch etwas Blödes sage. Fred mochte vielleicht ein Idiot gewesen sein, aber kein Mensch ist eine Insel. Mir ist ganz schlecht, während ich über die Konsequenzen nachdenke, die mein Verhalten in diesem Raum nach sich ziehen. Wenn ich nur während der Pause geduldiger gewesen und ihm erklärt hätte, worum es bei diesem Kurs eigentlich geht. Oder ich hätte ihm auf die Schulter klopfen und ihn nach Hause schicken können …
Andy unterbricht meinen Gedankengang. »Es ist wirklich schrecklich. Aber das ist es immer, wenn so etwas Unvorhergesehenes passiert. In diesem Fall wird die Untersuchungskommission das Ganze wohl rein formell handhaben. Wahrscheinlich wirst du sogar Lob einheimsen. Doch in der Zwischenzeit musst du leider ins Büro zurück, wo dich Harriet offiziell davon in Kenntnis setzen wird, dass du bei voller Bezahlung bis zur Anhörung vom Dienst suspendiert bist. In der nächsten Woche bleibst du zu Hause und erholst dich erst einmal, und dann werden wir versuchen, das Ganze so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen.« Er lehnt sich etwas zurück und seufzt. »Die ganze Sache stinkt zum Himmel, aber was kann man machen? Ich würde also vorschlagen, dass du deine Suspendierung dazu nutzt, dich zu entspannen und zu sammeln, denn nach der Anhörung werden wir vermutlich deinen Wunsch, in den aktiven Außendienst zu treten, mit wohlwollenderen Augen betrachten als bisher.«
»Wirklich?« Ich richte mich auf.
»Neunzig Prozent des aktiven Dienstes besteht aus Büroarbeit. Das sollte also kein Problem für dich sein, selbst wenn es dir nicht ganz auf den Leib geschnitten ist. Weitere neun Prozent verbringst du mit Warten im Gebüsch, und das kannst du garantiert auch ganz gut. Nur das eine Prozent, die wenigen Sekunden großer Gefahr und Verwirrung – das ist es, was an diesem Job so schwer ist. Und ich glaube, dass du heute gezeigt hast, wie gut du eine solche Situation regeln kannst. Wenn es nach mir ginge, würdest du die Stelle auf jeden Fall bekommen.« Er steht auf.
Ich erhebe mich ebenfalls. »Ich werde darüber nachdenken«, erwidere ich und verlasse das Zimmer, ehe ich anfange, loszuschreien. Ich kann Freds Miene einfach nicht vergessen. Ich habe noch nie zuvor jemanden sterben sehen. Ist schon komisch. Die meisten von uns erleben nie, wie ein anderer Mensch stirbt – schon gar nicht so brutal, wie das bei Fred der Fall war. Ich sollte mich eigentlich freuen, weil ich nun weiß, dass ich für den Außendienst vorgesehen bin. Wenn dieses Gespräch mit Andy gestern stattgefunden hätte, würde ich das auch. Aber jetzt will ich mich nur noch übergeben.
Als ich nach Hause komme, ist Brain in der Küche und versucht sich gerade an einem Omelette.
Es regnet, und meine Jacke ist selbst nach dem kurzen Weg von der U-Bahn-Station zur Haustür total durchnässt. Wieder einmal bin ich froh, Kontaktlinsen zu tragen, denn sonst würde ich jetzt durch beschlagene Brillengläser die Welt betrachten.
»Hi«, sagt Brain. »Kannst du das mal kurz halten?«
Er reicht mir ein Ei. Ich sehe mich überrascht in der Küche um.
Normalerweise ist unsere Arbeitsfläche nicht so makellos rein wie heute. Ich habe fast das Gefühl, in einer Arztpraxis gelandet zu sein. Tatsächlich liegt dort auch eine Spritze, in der sich eine graue, schillernde Flüssigkeit befindet. Betonessenz. Auf der anderen Seite der Arbeitsfläche steht eine Küchenmaschine, deren Sicherheitsvorrichtung kurzerhand außer Gefecht gesetzt und durch einen Elektromotor, der an die Antriebswelle der Messer gekoppelt ist, ersetzt wurde. Triefend stehe ich da und starre ungläubig darauf. Selbst für Brain sieht das, was ich da sehe, ungewöhnlich aus.
Ich gebe ihm das Ei zurück. »Ich bin nicht in der Stimmung.«
»Ach, komm schon. Halt es einfach.«
»Ich meine es ernst. Ich bin gerade suspendiert worden und warte auf eine Anhörung.« Langsam ziehe ich den Reißverschluss meiner Jacke auf und ziehe sie aus. »Das Spiel ist aus, keine Faxen mehr.«
Brain legt den Kopf zur Seite und schaut mich aus seinen großen hellen Augen an. Irgendwie wirkt er wie eine durchgeknallte Eule. »Echt jetzt?«
»Echt.« Ich suche die Kaffeedose und löffle dann etwas Pulver in die Pressfilterkanne. »Wasser im Kessel?«
»Suspendiert? Bezahlt? Warum?«
»Ja, bezahlt. Ich habe sechs Leuten das Leben gerettet, einschließlich mein eigenes. Dabei musste aber ein Siebter dran glauben, und deshalb gibt es eine Untersuchung. Sie behaupten zwar, dass es nur eine Formalität ist, aber …« Ich schalte den Wasserkocher an.
»Ist das während des Trainings passiert oder was?«
»Hmm. Fred aus der Buchhaltung. Er hat eine Beschwörungsmatrix geerdet.«
Brain schaut mich fassungslos an. »Mann, Bob, das ist ja schrecklich. Tut mir echt leid.« Er bietet mir wieder das Ei an. »Hier, ich bitte dich, halt es für einen Moment.« Widerstrebend nehme ich das blöde Ding und lasse es fast fallen. Es ist heiß und fühlt sich leicht ölig an. Außerdem riecht es auf einmal nach Schwefel. »Verdammt, was –«
»Nur für einen Moment! Ehrlich!« Er holt eine Kupferspule hervor. Ihr Draht ist um ein kleines Plastikmesser gewickelt und an irgendeinem Ding befestigt. Vorsichtig zieht er nun den Draht um das Ei, mein Handgelenk und wieder zurück. »So. Das Ei sollte jetzt entmagnetisiert sein.« Er legt die Spule auf die Arbeitsplatte und nimmt mir das Ei ab. »Jetzt schau genau zu! Der erste Prototyp des ultimativen Integral-Omelettes.« Er schlägt das Ei auf, und ein gelber, lederartiger Schwamm kommt zum Vorschein. Jetzt stinkt es wirklich nach Schwefel. »Das Ganze befindet sich noch im Entwicklungsstadium, ich musste eine Spritze dafür verwenden, aber ich habe da schon etwas Feines in petto – Hämoglobinagglutinat. Aber mal was anderes, wie ist der Mann eigentlich gestorben?«
Ich setze mich auf den Mülleimer. Vielleicht ist Brain gar nicht so egozentrisch und verrückt wie er aussieht? Zumindest scheint er zu merken, dass mich Freds Tod ganz schön mitgenommen hat.
»Du weißt doch, dass es immer jemanden gibt, der im falschen Kurs gelandet ist. In diesem Fall war es dieser tumbe Buchhaltertyp, über den ich immer lästere. Er ist nur aus Versehen in die Einführung zu okkultem Programmieren geraten. Ich hätte ja auch nicht dabei sein sollen, aber Harriet hat Andy überredet. Wahrscheinlich wollte sie sich so an mir rächen.« Harriet hatte letzten Monat Probleme mit ihrer E-Mail und bat mich um Rat. Ich weiß nicht, was eigentlich schief gelaufen ist, aber sie musste eine Woche lang einen Kurs zum Thema Send-Mail-Konfiguration besuchen. »Na ja, man könnte seine Handlung als eine Art Selbstgeißelung sehen, aber …« Plötzlich merke ich, dass ich gar nicht mehr spreche, sondern von einem heftigen Schütteln erfasst werde.
»Seine Augen waren voller Würmer.«
Brain dreht sich schweigend um und beginnt, in dem Schrank über der Spüle nach etwas zu suchen. Er holt eine Flasche mit der Aufschrift »Abflussreiniger« heraus, spült zwei angeschlagene Tassen aus, und gießt dann die Flüssigkeit aus der Flasche in die Tassen. »Trink das«, sagt er.
Ich trinke. Es ist kein Chlor. Immerhin. Meine Augen treten nicht aus ihren Höhlen, und die Flüssigkeit verdampft auch nicht auf meiner Zunge. »Was zum Teufel ist das?«
»Abflussreiniger.« Er zwinkert mir zu. »Hält Pinky davon ab, mal zu probieren.« Ich zwinkere zurück, bin aber immer noch nicht klüger. Doch momentan würde ich mich sowieso am liebsten sinnlos betrinken – ganz gleich, womit –, und das scheint Brain gespürt zu haben. Wenn ich völlig betrunken bin, muss ich nicht mehr nachdenken. Und nicht mehr zu denken täte eine Weile lang ganz gut.
»Danke«, sage ich so verschwörerisch, wie ich nur kann. Schließlich handelt es sich hier um ein persönliches Geheimnis, das Brain mir da enthüllt. Es berührt mich seltsam, und wenn ich nicht immer Fred vor mir sehen würde, wie er mich in seinen letzten Minuten angrinst, könnte ich dem wahrscheinlich sogar Ausdruck verleihen.
Brain wirft mir einen Blick zu. »Ich glaube, ich weiß, was dein Problem ist«, meint er.
»Was denn?«
»Du musst dich besaufen. Und zwar jetzt.« Er füllt bereits wieder meine Tasse.
»Aber wie steht es mit deinen …« Ich fuchtele in Richtung der Arbeitsplatte.
Er zuckt mit den Schultern. »Es ist noch im ersten Entwicklungsstadium. Ich werde mich später darum kümmern.«
»Aber du hast doch zu tun«, protestiere ich. Dieses Verhalten ist so ganz untypisch für Brain. In seinen schlimmsten Zeiten kann man ihn geradezu als Autist bezeichnen. Dass er sich nun um jemanden kümmert, der emotional durch den Wind ist, scheint mir geradezu – na ja – unheimlich.
»Ich wollte nur beweisen, dass man ein Omelette machen kann, ohne Eier zu zerschlagen. Nur ein dummes Experiment. Du dagegen stehst hier vor mir und wirkst wirklich ziemlich angeschlagen. Schließlich hast du dein Bestes gegeben, um den Bodysnatcher in Zaum zu halten. Und jetzt müssen wir eben alles tun, damit es dir wieder besser geht. Und danach kannst du mir mit meinem Omelette helfen.«
Ich strecke ihm die Tasse hin, damit er sie wieder füllt.
Unzählige Tassen später taucht Pinky auf. Er ist lang und schlaksig wie immer und wirkt ein wenig atemlos. Ohne uns zu begrüßen will er wissen, wo der nächste Buchladen ist.
»Warum?«
»Für meinen Neffen.« Pinky hat einen Bruder und eine Schwägerin, die am anderen Ende von London leben und vor kurzem ein Kind bekommen haben.
»Was willst du ihm besorgen?«
»Eine Straßenkarte von London und eine Bibel.«
»Warum?«
»Die Karte ist das Taufgeschenk, und die Bibel soll mir helfen, den Weg zur Kirche zu finden.« Brain lacht stöhnend, während ich sturzbetrunken hinter dem Sofa nach Ladung für die Ballzoaka suche.
»Was zum Teufel ist hier los?«
»Ich mache gerade eine Pause, ehe ich Bob wieder beim Trinken unter die Arme greife, das braucht er nämlich«, erklärt Brain. »Er muss abgelenkt werden. Bis du gekommen bist und das Thema gewechselt hast, ist mir das auch gut gelungen.« Er steht auf und wirft einen Saugpfeil auf Pinky, der sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringt.
»Das meinte ich gar nicht. In der Küche riecht es irgendwie komisch. Etwas, äh, etwas Schuppenartiges, Runzeliges –« Ein Kultausdruck in unserem Haushalt, den wir immer mit einer Geste untermalen, die außerirdische Tentakel am Kinn darstellen soll »– und Gelbes, hat versucht, meinen Schuh zu essen. Was ist hier also los?«
»Genau.« Ich versuche, mich aufzusetzen, schaffe es aber kaum, mich aus den Tiefen der auf einmal immer riesiger werdenden Sofakissen zu befreien. »Was ist das Ding da in der Küche?«
Brain steht auf. »Hört, hört!« Er rülpst. »Ich bin gerade dabei, ein Naturgesetz zu widerlegen. Oder anders gesagt, zu beweisen, dass es möglich ist, ein Omelette zu machen, ohne Eier zu zerschlagen. Ich habe einen pistigen Lan …«
Pinky wirft das ziemlich zerdrückt aussehende Omelette, das er hinter seinem Rücken versteckt hatte, gegen Brains Kopf, der sich duckt. Das Omelette schlägt am Videorekorder auf und springt wie ein Ball Richtung Sofa.
»Ich habe einen listigen Plan«, fährt Brain fort. »Wenn ihr mich endlich mal zu Wort kommen lassen würdet …«
Ich nicke. Pinky hört auf, nach weiteren Dingen zu suchen, die er werfen kann.
»So ist es besser. Die Frage lautet also, wie man an das Innere eines Eis kommt, ohne die Schale zu zerbrechen. Man muss es also von innen kochen, oder? Dieses Problem hat die Mikrowelle gelöst, aber für ein richtiges Omelette muss man es auch richtig verrühren. Dazu muss man das Ei normalerweise öffnen. Ich kam also auf die großartige Idee, es mit magnetisierten Metallspänen in einer Lecithin-Emulsion zu injizieren, es dann in ein rotierendes Magnetfeld zu legen und so das Ganze recht effektiv zu mischen. Der nächste Schritt ist, das zu schaffen, ohne die Schale zu verletzen. Am besten legt man das Ei in eine Lösung aus winzigen ferromagnetischen Partikeln, verwendet dann Elektrophorese, um sie anzuziehen und überlegt sich schließlich, wie man sie dazu bringt, in einer langen, magnetisierten Kette im Inneren des Eis Dotter und Eiweiß zu verrühren. Könnt ihr mir folgen?«
»Durchgeknallt – ich sage nur ein Wort – durchgeknallt!« Pinky hüpft aufgedreht hin und her. »Was wollen wir heute Abend machen, Brain?«
»Das, was wir jeden Abend tun, Pinky: Wir versuchen, die Weltherrschaft an uns zu reißen!« (über die Welt der Haute Cuisine, was sonst).
»Aber ich muss doch noch ein paar Bücher kaufen«, meint Pinky und unser Luftschloss zerplatzt. »Gute Besserung, Bob. Bis nachher!« Und weg ist er.
»Das hat ja überhaupt nichts gebracht«, stöhnt Brain. »Der Knabe besitzt kein Durchhaltevermögen. Eines Tages wird er sich noch zum Bankmanager mausern.«
Ich werfe meinem Mitbewohner einen finsteren Blick zu und verstehe auf einmal nicht mehr, warum ich mir das hier eigentlich antue. Es ist ein völlig zweidimensionaler Blick auf mein Leben, den ich so meist nicht habe – und was ich sehe, gefällt mir ganz und gar nicht. Gerade öffne ich den Mund, um das der Welt mitzuteilen, da klingelt das Telefon.
Brain hebt ab, und sein Gesicht wird fahl. »Für dich«, murmelt er und reicht mir das Telefon.
»Bob?«
Meine Hand fängt an zu zittern. Ein Teil von mir will zwar hören, was jetzt kommt, aber der andere sträubt sich dagegen. »Ja?«
»Ich bin es, Bob. Wie geht es dir? Ich habe gerade gehört –«
»Mir geht es beschissen«, höre ich mich antworten, obwohl ich mich innerlich dafür hasse. Verzweifelt schließe ich die Augen, um die Welt auszublenden. »Es war schrecklich. Wie hast du davon erfahren?«
»Buschtrommeln.« Natürlich sagt sie nicht die ganze Wahrheit. Mhari hat mehr Tentakel als ein Tintenfisch, und die sind alle in der Gerüchteküche der Wäscherei am Werkeln. »Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen? Brauchst du etwas, oder kann ich dir was vorbeibringen?«
Ich öffne die Augen. Brain beobachtet mich misstrauisch. »Ich betrinke mich, was das Zeug hält«, antworte ich. »Und dann schlafe ich für eine Woche.«
»Oh«, erwidert sie mit leiser Stimme, so süß und verführerisch wie selten. »Dir geht es wirklich nicht gut. Kann ich vielleicht kommen?«
»Ja, klar.« Wie unter einer Glasglocke bemerke ich Brain, wie er sich an dem Abflussreiniger verschluckt. »Je mehr Leute, desto besser.« Meine Stimme klingt irgendwie hohl. »Feiern, bis der Arzt kommt.«
»Halt die Ohren steif.« Dann legt sie auf.
Brain starrt mich an. »Bist du total plemplem?«, will er wissen.
»Klar.« Ich kippe den Rest meines Drinks in einem Zug runter und greife dann erneut nach der Flasche.
»Die Frau ist eine Psychopathin!«
»Das sage ich mir auch immer wieder. Aber nach tränenreichen Aussöhnungen, heißer leidenschaftlicher Liebe, 500-Dezibel-Wutanfällen und der vierten Nun-ist-für-immer-Schluss-Nummer gibt sie mir etwas, worauf ich mich verlassen kann, was mich wirklich runterzieht. Wenigstens nicht dieser Ich-muss-alle-retten-Mist, den ich im Augenblick habe.«
»Hauptsache, du lässt sie nicht wieder in den Keller.« Schwankend steht er auf. »Also, tut mir leid, aber jetzt muss ich mich wirklich um mein Omelette kümmern …«
Eine Woche später.
»Hier haben wir ein M11/9-Maschinengewehr von der Firma SW Daniels in den Vereinigten Staaten. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte – es handelt sich um eine Pistole. Sie ist etwas umgebaut worden und nimmt jetzt ein 9mm-Kaliber und kleine Magazine, mit denen man mit einer Höchstgeschwindigkeit von 1600 Patronen pro Minute schießen kann. Umlaufgeschwindigkeit der Gewehrmündung 350 Meter pro Sekunde, Magazinkapazität 30 Patronen. Dieser Zylinder enthält einen zweistufigen Dämpfer – nicht das, was Sie vielleicht im Kino als Schalldämpfer oder Silencer gesehen haben. Man hört das Gewehr noch, aber für die ersten hundert Patronen oder so verringert es den Lärm um rund dreißig Dezibel.
Drei Dinge müssen Sie wissen. Erstens: Wenn man diese Waffe auf Sie richtet, tun Sie am besten, was man Ihnen sagt – es ist kein Mode-Accessoire. Zweitens: Wenn Sie die Waffe herumliegen sehen sollten, fassen Sie diese auf keinen Fall an, solange Sie nicht wissen, wie man sie sicher handhabt. Ein kleiner Fehlgriff und Vater Staat spart sich die Rente. Drittens: Sollten Sie eine solche Waffe brauchen, rufen Sie die Zentrale der Wäscherei an und fragen Sie nach 1-800-GSG9 – unsere Jungs werden Ihnen gerne behilflich sein. Sie trainieren täglich damit.«
Was Harry da sagt, ist kein Witz. Ich nicke und mache mir ein paar Notizen, während er die Maschinenpistole auf die Ablage zurücklegt.
»Und nun zu etwas anderem. Was können Sie mir darüber erzählen?«
Ich werfe einen Blick auf das Ding und leiere herunter: »Ruhmeshand, hergestellt aus der verschrumpelten Hand eines Gehenkten. Magische Waffe der Klasse drei, fünf Einwegladungen, gespiegelte Basis für kohärente Emissionen statt völliger Unsichtbarkeit … scheint nicht geladen zu sein, Aktivierung mithilfe eines Passworts –« Ich werfe ihm einen Blick zu. »Sind Sie überhaupt dazu befugt, so etwas in die Hand zu nehmen?«
Harry legt die Ruhmeshand beiseite und greift wieder nach der M11/9. Er betätigt einen Hebel am Lauf, schaut sich um, damit auch niemand in Schussweite ist, visiert und drückt ab. Ein ohrenbetäubender Lärm erfüllt den Raum, gefolgt von dem Geräusch der auf den Boden fallenden Kupferhülsen. Dann ruft er: »Sie sind dran!«
Ich nehme die Ruhmeshand. Sie fühlt sich kalt und wachsartig an. Das Aktivierungswort ist mit Silberstift auf den Lauf geschrieben. Ich stelle mich neben ihn, richte die Waffe nach unten, visiere und konzentriere mich dann auf das Abzugsseil, denn manchmal kann es ein paar Sekunden dauern, ehe –
WUMM.
»Sehr gut«, meint Harry trocken. »Sie wissen sicher, dass eine Hinrichtung in der chinesischen Provinz Shanxi nötig war, um diese Waffe anzufertigen?«
Ich lege die Ruhmeshand weg, mir ist auf einmal mulmig zumute. »Ich habe nur einen Finger benutzt. Außerdem dachte ich immer, dass unsere Lieferanten Orang-Utans verwenden …«
Er zuckt mit den Schultern. »Hat sich geändert. Fragen Sie nicht mich, sondern die Tierschützer.«
Ich bin noch immer vom Dienst suspendiert. Aber Boris, der Maulwurf, meinte, dass es im offiziellen Prozedere ein Hintertürchen gäbe, welches mir erlaubt, Fortbildungskurse zu besuchen, für die ich mich bereits vor der Suspendierung angemeldet habe. Außerdem stellte sich heraus, dass Andy mich für eine Komplett-Einführung auserkoren hat – sechs lange Wochen intensives Training, um mich auf den Außendienst vorzubereiten. Teils in einem Dorf, das früher einmal Dunwich hieß, und teils in unserem, für andere nicht sichtbaren College in Manchester.
Zu dieser Komplett-Einführung gehören ein Kurs über Recht und Ethik (einschließlich Internationale Beziehungen 101: »Tun Sie alles, was Ihnen der nette Mann mit dem Diplomatenpass sagt – es sei denn, Sie möchten aus Versehen den Dritten Weltkrieg auslösen.«); wie man Quittungen für Tagessätze ausfüllt; Grundzüge des Beschattens und der Beobachtung; Tagesauslastungspläne; wie man herausfindet, ob man selbst beschattet wird; Reisekostenerstattungsanträge; Schlösser und Sicherheitssysteme; Kontenabstimmungen und Abschreibungen; Beziehung zur Polizei (»Ihr Berechtigungsschein wird Ihnen viel Ärger vom Hals halten – falls Sie dazukommen, ihn rechtzeitig zu zücken.«); Computersicherung (lange nicht mehr so gelacht); Software-Bestellungen; Grundzüge des Sicherheitssystems (dito) sowie Waffenkunde (beginnend mit der eisernen Regel: »Benutze sie am besten nie – es sei denn, es geht nicht anders und du weißt, was du tust.«).
So stehe ich nun also neben Harry, dem Pferd, einem Typen mittleren Alters mit einer Augenklappe und sich lichtendem, weißem Haar, dem es offensichtlich Spaß macht, mit seiner Maschinenpistole herumzuballern. Meine Fingerfertigkeit im Umgang mit einer RH-3 scheint ihn etwas zu überraschen.
»Gut.« Harry nimmt das Magazin heraus. »Sie können wir wohl vom Kurs für Schusswaffen streichen. Wie hört sich stattdessen ein ZWU 2 an – Zertifikat für Waffen unkonventioneller Art, zweiter Grad? Das gibt einem die Erlaubnis, unkonventionelle Geräte bei sich zu tragen und in genehmigten, gefährlichen Einsätzen zur Selbstverteidigung zu benutzen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass der Schuss ins Schwarze vorhin Zufall war.«
Ich nehme die Ruhmeshand und entschärfe sie. »Stimmt, war er nicht. Sie wissen bestimmt, dass für diese Dinger menschenähnliche Wesen gar nicht notwendig sind? Schon mal darüber nachgedacht, warum es so viele einbeinige Tauben in London gibt?«
Harry schüttelt den Kopf. »Ihr jungen Haudegen! Als ich hier anfing, dachten wir noch blauäugig, dass die Zukunft Lasern, Missionen auf den Mars und Essen in Pillenform gehören würde.«
»So anders ist das heute gar nicht«, entgegne ich. »Es ist eine Wissenschaft. Wenn man zum Beispiel für eine Hand of Glory Gliedmaßen von jemandem erwischt, der zufällig an Multiple Sklerose oder Parkinson gestorben ist, findet man das schnell genug heraus! Was wir also machen, ist ein Mikronetz zu entwerfen, das ein Informationstor von einem anderen zusammenhängenden Kontinuum einfängt. Informationstore sind eigentlich ganz einfach. Mit etwas Energie können wir es so groß machen, dass Masse durchkommt. Aber das ist heikel, machen wir also nicht so oft. Dämonische Kräfte – also die außerirdischen Schnelldenker da draußen – versuchen nämlich, die Kontrolle über alle Muskel- und Sehnennerven zu gewinnen, an die sie irgendwie herankommen können. Die Nerven sind zwar tot wie der Rest der Hand, aber sie dienen noch immer als nützliche Kanäle. Resultat: ein Informationspuls, reine Informationen auf dem Planck-Niveau, den wir als Phasenkonjugierten Lichtstrahl wahrnehmen –«
Ich richte die Ruhmeshand auf die Zielscheibe.
»Was würden Sie machen, wenn das ein Mensch wäre?«, fragt Harry und zeigt auf die Scheibe.
Ich lege die Waffe hastig wieder hin. »Hoffen wir, dass es nie so weit kommt.«
»Das reicht nicht. Was wäre, wenn Ihre Frau und Kinder gekidnappt wären?«
»Ich weiß ja noch nicht mal, ob ich überhaupt noch einen Job hier habe! Aber trotzdem – hoffen wir einfach, dass es nie so weit kommt.« Meine Hände zittern noch immer. Ich schließe die Hand of Glory weg und reaktiviere das Sicherheitsfeld. Harry sieht mich nachdenklich an und nickt.
»Der Untersuchungsausschuss ist hiermit vollständig versammelt.«
Ich raschele mit den Papieren, die vor mir liegen, ohne einen wirklichen Grund zu haben – außer notdürftig meine Nervosität zu verbergen.
Wir befinden uns in einem kleinen Konferenzzimmer mit dicken Eichenpanelen und preußisch-blauem Teppichboden. Ich bin gerade hereingebeten worden. Alle werden schön der Reihe nach verhört: Wer war anwesend? Wer hatte die Verantwortung? Ich komme direkt nach Vohlman dran. Schließlich war es sein Kurs, und er hat auch die Beschwörung durchgeführt; ich habe das Ganze nur beendet.
Ich erkenne keinen der hinter den Tischen sitzenden Anzüge, sie sehen aber allesamt wie hohe Tiere aus. Einer von ihnen ist aus den höchsten Rängen der Bilanzprüfung, was allein schon reichen würde, mich ins Schwitzen zu bringen – wenn ich mir irgendetwas anderes hätte zuschulden kommen lassen außer einem gelegentlichen Büroklammerdiebstahl.
Man bittet mich, in die Mitte des Raumes zu treten und mich auf das goldene Wappen zu stellen, das in den Teppich gestickt ist. Aus dem Augenwinkel erkenne ich irgendeinen lateinischen Leitspruch. Die statische Ladung lässt meine Haare fliegen. Der Teppich unter mir scheint zu leben.
»Bitte nennen Sie Ihren Namen und Ihre Berufsbezeichnung.« Auf dem Tisch steht ein Aufnahmegerät, dessen Licht rot blinkt.
»Bob Howard. Darkside-Hacker … Äh … Informatiker, Dienstgrad zwei.«
»Wo waren Sie am Donnerstag, den 19. letzten Monats?«
»Ich nahm an einem Seminar teil: Einführung in das angewandte Okkult-Rechnerwesen, der von Dr. Vohlman abgehalten wurde.«
Der Kahlkopf in der Mitte malt irgendetwas auf ein Papier, das vor ihm liegt, und starrt mich dann aus kalten, regungslosen Augen an. »Was hielten Sie von dem Kurs?«
»Was ich …« Ich stocke. Das ist keine Frage, auf die ich vorbereitet bin. »Ich habe mich zu Tode gelangweilt. Der Kurs war gut, verstehen Sie mich nicht falsch. Vielleicht ein bisschen einfach. Ich musste hin, weil Harriet mich dazu verdonnert hatte. Dr. Vohlman hat seinen Job gut gemacht, aber es war wirklich so wahnwitzig einfach, dass ich überhaupt nichts dazugelernt habe und auch nicht sonderlich aufpasste –« Was erzähle ich ihm da eigentlich?
Der Mann in der Mitte schaut mich an. Ich fühle mich wie eine Mikrobe unter dem Mikroskop. Kalter Schweiß läuft mir den Nacken herunter. »Wenn Sie nicht sonderlich aufpassten – was haben Sie dann getan?«, will er wissen.
»Ich habe vor allem vor mich hingeträumt.« Was ist hier eigentlich los? Ich scheine einfach alle Fragen zu beantworten, die mir gestellt werden – egal, wie peinlich sie sein mögen. »Ich kann in Hörsälen leider schlecht schlafen. Und wenn man nur zu acht ist, ist es auch mit dem Lesen nicht weit her. Ich habe also halb zugehört, falls Dr. Vohlman etwas Interessantes sagen würde. Aber leider –«
»Hatten Sie etwas gegen Frederick Ironsides?«
Mein Mund plappert einfach los, ehe ich etwas dagegen unternehmen kann: »Ja, Fred war ein Schwachkopf erster Güte. Hat immer blöde Fragen gestellt und war zu beschränkt, um aus eigenen Fehlern zu lernen. Andere mussten immer hinter ihm den Schmutz wegräumen, und er vertrat total unqualifizierte Meinungen, mit denen ich Sie aber nicht langweilen möchte. Er war in dem Kurs fehl am Platz, und ich habe ihn gedrängt, das Dr. Vohlman zu sagen. Aber er wollte nicht. So war er – debil bis zum Letzten.«
»Haben Sie Frederick Ironsides getötet?«
»Nicht absichtlich – nein, verdammt noch mal! Er hat es selbst getan! Der Idiot hat das Schutzfeld kurzgeschlossen. Also habe ich ihn mit einem Feuerlöscher außer Gefecht gesetzt – allerdings erst, nachdem er bereits infiltriert war. Es war reine Selbstverteidigung. Aber was passiert hier eigentlich mit mir? Unter welchem Zauber stehe ich?«
»Keine Interpretationen, Mr. Howard. Bitte nur Fakten. Haben Sie Frederick Ironsides mit dem Feuerlöscher geschlagen, weil Sie ihn hassten?«
»Nein, nicht weil ich ihn gehasst habe, sondern weil ich mir vor Angst fast in die Hose gemacht habe, dass das Ding in seinem Kopf uns alle umbringen würde. Ich habe ihn nicht gehasst – er war nur ein schrecklicher Langweiler, aber das ist normalerweise kein Grund, jemanden zu töten.«
Die Frau zur Rechten des kahlköpfigen Mannes macht sich eine Notiz. Mein Inquisitor nickt nachdenklich. »Gut, da wäre noch etwas. Welcher Student war Ihrer Meinung nach am wenigsten für den Kurs geeignet?«
»Ich.« Ehe ich es mir verkneifen kann, platzt es aus mir heraus: »Ich hätte ihn leiten können.«
Die Wellen rollen ohne Unterlass an den Strand – eine graue Masse aufgepeitschten Wassers, das mit dem Himmel darüber zu verschmelzen scheint. Steinchen knirschen unter meinen Schuhsohlen, während ich den Kiesstrand entlanglaufe, am verfallenen Friedhof vorbei, der auf einem sanften Hügel über dem Meer liegt. Jedes Jahr holt sich das Meer einen weiteren halben Meter Festland; Dunwich geht langsam unter, bis das Wasser eines Tages die Kirchenglocken zum Verstummen bringen wird.
Möwen kreisen über mir und stoßen laute Schreie aus – irgendwie erinnern sie mich in ihrer Wildheit an tanzende Derwische.
Ich bin zu Fuß hierher gelaufen, um dem Dunstkreis des Wohnheims, des Unterrichts und der Büros im Dorf zu entkommen, wo in mehreren zusammengeschusterten Cottages und einem großen früheren Bauernhof die Einsatzbesprechungen stattfinden. Es gibt keine Straßen, die nach Dunwich hinein- oder auch wieder herausführen, denn das Verteidigungsministerium hat bereits 1940 das gesamte Dorf übernommen und es von offiziellen Landkarten und aus dem Bewusstsein der Norfolker Bevölkerung für immer streichen lassen. Wanderer werden an zwei Seiten von den dichten, stachligen Hecken abgehalten, weiter vorzustoßen und die Klippen sichern den Ort von der dritten Flanke. Als die Wäscherei Dunwich vom MI5 übernahm, entwickelten sie noch subtilere Abwehrmethoden. Jeder, der sich dem Ort bis auf einen Kilometer nähert, empfindet plötzlich ein seltsames Gefühl der Beunruhigung. Die einzige Art, hierherzugelangen, ist mit einem Boot – und unsere schwimmenden Freunde kümmern sich um jeden unwillkommenen Besucher, der kleiner ist als ein atomares U-Boot.
Ich brauche Platz, um in Ruhe nachdenken zu können, denn es gibt eine ganze Menge Dinge, über die ich mir dringend klar werden muss.
Der Untersuchungsausschuss kam zu dem Schluss, dass ich für den Unfall nicht zur Verantwortung gezogen werden kann. Sie haben sogar meine Versetzung in den aktiven Außendienst genehmigt. Außerdem scheint so ein Ausschuss ziemlich einflussreich und gefürchtet zu sein. Die haben in meiner Abteilung mal richtig gründlich aufgeräumt, sodass schließlich alles seine Ordnung hatte – auch wenn bei dieser Gelegenheit manch peinlicher Makel und Fehler zum Vorschein kam. Wenn ich tatsächlich schuldig wäre, würde ich diesen eiskalten Bürokraten des Ausschusses nicht Rede und Antwort stehen wollen! Aber wenn – wie Andy meinte – Neunmalkluge in der Wäscherei verpönt wären, dann könnte die Wäscherei im Grunde gleich einpacken.
Mhari ist nach der angekündigten Party erneut bei mir eingezogen, und ich habe mich bisher noch nicht getraut, sie wieder rauszuschmeißen. Immerhin hat sie bis dato noch nichts nach mir geworfen oder gedroht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Als sie mir das letzte Mal vor zwei Monaten mit Selbstmord kam, war ich derart wütend, dass ich nur lapidar meinte: »Dann schneide aber vertikal und nicht horizontal!« Daraufhin zerschlug sie eine Teekanne auf meinem Kopf. Vielleicht hätte mir das eine Lehre sein sollen.
Aber momentan beschäftigt mich Wichtigeres. Die Geschichte mit Fred hat mir die Augen geöffnet. Will ich wirklich noch immer in den aktiven Außendienst? Teil der Chemischen Reinigung werden, fremde Länder besuchen, exotische Menschen kennen lernen und sie mit tödlichen Zaubersprüchen belegen? Auf einmal bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich dachte, ich wäre es, aber jetzt weiß ich, was es tatsächlich bedeutet – nämlich stundenlang zitternd im Regen warten oder zusehen müssen, wie sich in den Augen anderer Würmer zeigen. Möchte ich mir das wirklich antun?
Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
Ein Felsbrocken taucht vor mir am Kiesstrand auf. Dahinter liegt das Wrack eines alten Ruderboots, das die Grenze unseres Bezirks anzeigt. Bis hierher kann ich gehen und nicht weiter, ohne einen Alarm auszulösen und einen Narren aus mir zu machen. Ich lege meine Hand auf den Stein, der mit Flechten und Entenmuscheln übersät ist. Nachdenklich setze ich mich drauf und schaue den Strand entlang nach Dunwich und zum Ausbildungszentrum.
Irgendwo dort im Dorf muss Dr. Malcolm Denver verschiedene Einführungs- und Orientierungskurse über sich ergehen lassen, seine Schuhgröße wird ermittelt, seine Pension angepasst, er erhält seine Zahnpasta und die ID-Karte der Wäscherei. Wahrscheinlich ist es noch immer ein bisschen stinkig – genauso wie ich es war, als sie mich vor vier Jahren dabei ertappten, wie ich via Computer geheime Staatsakten durchforstete. Eigentlich war es die Schuld der anderen gewesen, denn die hatten sich nicht ausreichend gegen Hacker geschützt. Dabei handelte es sich im Grunde nur um einen Job für den Sommer. Ich hatte soeben meinen Bachelor in Informatik gemacht und wollte im Herbst weiterstudieren. Um über die Runden zu kommen, jobbte ich und landete so beim Verkehrsministerium. Schon bald kam mir etwas faul vor, und ich begann zu graben. Wie groß die ganze Angelegenheit werden sollte, merkte ich erst, als es bereits zu spät war. Zuerst war ich ziemlich sauer. Doch während der kommenden vier Jahre arbeitete ich mich so langsam durch das geheime Wissen der Wäscherei und erwarb die Grundkenntnisse unseres Gewerbes.
Thaumatologie beziehungsweise die Lehre von den Wundern ist sicher mindestens genauso faszinierend wie die Zahlentheorie – das gebe ich gerne zu. Aber will ich wirklich den Rest meines Lebens mit einer streng geheimen Arbeit zubringen, von der nichts an die Öffentlichkeit dringen darf?
Doch was soll ich sonst machen? Ich kann schließlich schlecht wieder in das Leben eines Otto Normalverbrauchers zurückkehren – obwohl ich das sogar dürfte, wenn ich nur lange genug betteln würde. Solange ich verspreche, nie wieder einen Rechner anzufassen und somit etwas zu machen, womit ich einigermaßen Geld verdienen könnte. Wahrscheinlich würde so ein Wechsel außerdem ziemliche Probleme nach sich ziehen, Familienprobleme, meine ich. Meine Mutter würde mich vermutlich ignorieren, während mein Vater mich als nutzlosen Hippie beschimpfen würde. Wie stolz die beiden doch auf ihren Beamtensohn sind! Meine Karriere hilft ihnen sozusagen, ihre zerrüttete Ehe beiseite zuschieben und sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, denn zumindest haben sie das mit ihrem Sohnemann gut hinbekommen. Zudem bin ich noch nicht lange genug in der Wäscherei, um schon einen Pensionsanspruch zu haben. Vermutlich könnte ich den Rest meines Lebens in der Abteilung für technischen Support verschimmeln oder mich in die Etagen des Managements hochdienen. Aber ich bilde mir ein, dass das Leben nicht ganz so … öde und sinnlos sein sollte.
Die Möwen kreisen weiterhin kreischend über meinem Kopf.
Ich höre, wie hinter mir etwas auf den Kies fällt. Sie werden doch nicht auf die Idee kommen, mich hier zu bombardieren! Ich drehe mich um und entdecke etwas, das auf den ersten Blick wie ein grünlicher kleiner Seestern aussieht. Doch bei näherer Betrachtung …
Langsam stehe ich auf und beuge mich über das Ding. Es hat tatsächlich die Form eines Seesterns – strahlenförmig und fünfarmig. Vielleicht ein Fossil, eine Art grünlicher Speckstein. Ich sehe es mir noch genauer an. Ich weiß, dass nur wenige Hundert Kilometer entfernt an der Küste der Normandie zahlreiche Kernreaktoren stehen. Ein Windstoß in unsere Richtung und wir würden einen möglichen radioaktiven Niederschlag voll abkriegen. Aber dieses Ding hier ist merkwürdiger als es ein Mutant sein sollte. Die einzelnen Tentakel scheinen an den Spitzen gestutzt zu sein, sodass es eher wie der Querschnitt durch eine Seegurke aussieht. Es muss sich um ein Exemplar der Frühzeit handeln, ein lebendes Fossil.
Ich starre es an, denn es kommt mir auf einmal wie ein Zeichen vor: ein Lebewesen, das aus seinem natürlichen Umfeld gerissen wurde und das nun das Schicksal ereilt, an einem fremden Strand in einer fremden Welt unter den Blicken eines Wesens zu sterben, das ihm völlig unbekannt ist. Irgendwie erscheint mir das eine passende Metapher für die Menschheit zu sein – die Menschheit, die wir von der Wäscherei geschworen haben unter dem Einsatz unseres Lebens zu verteidigen. Das hat schon lange nichts mehr mit den übertriebenen Ängsten und Sicherheitswahnvorstellungen aus den Zeiten des Kalten Kriegs zu tun, sondern kann auf einen einzigen Nenner gebracht werden – unserer aller Verwundbarkeit. Denn sollten sich Kreaturen, die wir uns noch nicht einmal in unseren schlimmsten Träumen vorstellen können, dazu entschließen, uns anzugreifen – na, dann aber Gute Nacht! Ein kleines Exemplar von diesen Wesen würde bereits problemlos eine ganze Stadt dem Erdboden gleichmachen. Wir bewegen uns ständig im Schatten von Mächten, die so unheimlich sind, dass auch nur ein Augenblick der Unaufmerksamkeit reichen würde, um die gesamte Menschheit zu vernichten.
Ich könnte jetzt einfach nach London zurückkehren, mich wieder an meinen Schreibtisch setzen und meiner bisherigen Aufgabe nachgehen, kaputte Rechner zum Laufen zu bringen. Es wäre eine Stelle fürs Leben mitsamt einer satten Pension in dreißig Jahren und dem Versprechen, nie auch nur ein Sterbenswörtchen über meine Tätigkeit zu verlieren. Oder ich kehre ins Dorf zurück und unterschreibe dort ein Papier, das ihnen das Recht gibt, mit mir machen zu dürfen, was sie für richtig halten. Eine Arbeit ohne Anerkennung oder Dank, möglicherweise tödlich, irgendwo auf der Welt. Ganz gleich, wie abstoßend die Aufträge auch sein mögen, ich müsste sie ausführen und dürfte noch nicht einmal jemandem davon erzählen. Vielleicht würde ich es gar nicht bis zur Pension schaffen, sondern schon lange vorher in einem Massengrab, in einer unergründlichen Höhle oder an einem Strand am Pazifik enden. Die dortigen Krabben würden sich jedenfalls freuen. Und es hat sich bisher noch nie jemand zum Außendienst gemeldet, weil die Bezahlung oder die Arbeitszeiten so gut wären …
Ich betrachte wieder dieses seesternartige Ding und sehe auf einmal Augen, menschliche Augen, in denen sich Würmer winden. Plötzlich weiß ich, dass es im Grunde keine Wahl gibt. Dass es diese Wahl nie gegeben hat.